Champagne & Reefer

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die Stones gerade diese Coverversion von Muddy Waters gewählt haben für die Club-Show im Beacon-Theater in New York. Denn was uns da die Grand Seigneurs des Rock’n’Roll auftischen, ist wahrlich prickelnd und betörend. Aber alles der Reihe nach… Kürzlich habe ich mir mit meinem Freund Mark (seines Zeichens Hardcore-Stones-, genauer, Richards-Fan), den neuen Martin Scorsese-Film “Shine a light” zu Gemüte geführt. Ich brauchte Jemanden an meiner Seite, der euphorisch genug war, mir die Stones nochmals schmackhaft zu machen, denn das letztjährige Budget-Konzert in Lausanne war alles Andere als berauschend. Nein, da gibts nichts zu Beschönigen: es war katastrophal schlecht! Die Herren hatten bei mir also Einiges gut zu machen… und ehrlich gesagt konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie ihren druckvollen Sound noch drauf haben. Aber erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt… Der Film fängt mit ein paar schönen Szenen, abwechselnd mit schwarz/weiss-Bildern an. Ein sichtlich entnervter Scorsese telefoniert mit Mick Jagger und schildert diesem seine Probleme mit den Kameras, Schnitt; die Clintons begrüssen ganz verzückt die Herren Richards, Jagger, Wood und Watts, diese Szenen sind schon fast das Eintrittsgeld wert. Dann aber starten die Stones mit “Jumpin Jack Flash” ihre Club-Show. Und schon beim ersten Ton ist Allen im Kino klar, ja mei, die könnens ja noch. Natürlich haben die Tontechniker beim Soundmix ihr Möglichstes getan, aber die Solis von Richards kommen messerscharf und Ron Wood habe ich selten so relaxt und präzis spielen gehört. Das erste “Wow”-Erlebnis kommt dann bereits beim Track des gleichnamigen Albums “Some Girls”. Danach geht es Schlag auf Schlag, einer wunderbaren Version von “Far away eyes” folgt “Champagne & Reefer” ein Song von Muddy Waters, gesungen und gespielt vom sichtlich gut gelaunten “Special-Guest” Buddy Guy. Nächster Höhepunkt dann der Song, welcher bereits in Lausanne letzten Jahres einer der wenigen Lichtblicke war: Keith Richards singt “You got the silver” und Ron Wood begleitet ihn mit der Slide-Gitarre (wunderschön). Die beiden anderen Gastauftritte sind dann halt ein wenig Pflichtübungen, zum Einen Jack White von den “White Stripes” der den Auftritt mit den “Stones” sichtlich geniesst und “Christina Aguilera” welche mit Mick Jagger eine gute Figur abgibt, aber das ist dann halt auch schon alles. Musikalisch auf dem gegenwärtigen Unterhaltungs- und Casting-Show-Niveau… nett halt! Sympathy for the devil hat man schon länger nicht mehr so gut gehört von ihnen. Ein weiterer Höhepunkt ist dann ein absolut phantastisches “Brown Sugar”, welches ich von den Stones in dieser Qualität nur von der 73er Tournee mit Mick Taylor kenne, Brussels Affair zum Beispiel. Zusammengefasst: der Sound ist phasenweise richtig grossartig, vielleicht auch gerade darum, weil Scorsese im Film ganz gezielt, bestimmte Solis etwas hervorhebt und damit zeigt, dass Keith Richards und Ron Wood nach wie vor grossartige Gitarristen sind. Ach ja, da war ja noch einer: Mick Jagger. Mein Gott, der Mann ist über 60 Jahre alt und bewegt sich wie eine Gazelle auf der Bühne. Ich wage mir nicht vorzustellen, was dieser Mann mit achzig auf der Bühne anstellt! Was diesem grossartigen Konzertfilm, der mit einer wunderbaren Bildsprache überzeugt, aber den wahren Glanz verleiht, sind die kleinen Sequenzen die die Kameras einfangen, wenn z.B. Mick Jagger vom Auftritt mit Christina Aguilera zurückläuft und die eine Kamera die beiden Stones-Gitarristen beobachtet. Keith blinzelt Ron zu, als wollte er sagen: “Schau dir mal diesen Gockel an!”. Herrlich, herrlich … und es gibt mehrere dieser magischen Momente. Alles in Allem: “Shine a light” zeigt die Stones in einer Spielfreude und mit einem Spielwitz, welchen ich schon lange nicht mehr von ihnen gehört und gesehen habe. Und das Alles in einer wirklich grossartigen Qualität. All denen, welche sich trotz allem noch immer über die Urgesteine lustig machen und nicht verstehen, was diese Opas denn noch im Rock-Zirkus verloren haben, sei gesagt: Geht ins Kino, verbindet euch von mir aus die Augen, aber hört gut zu…!!! It’s only Rock’n’Roll…

ah

Von allem ein wenig zu viel, nur vom Leben zu wenig.

„Stoned“ heißt der Film von Stephen Woolley, der mit dem nassen Tod des verwunschenen Gründerprinzen der Rolling Stones, Brian Jones, beginnt.
Möchte gleich vorweg erwähnen, das dieser Film nicht neu und ich absolut kein Filmkenner bin. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich einiges anmerken.„Stoned“ konzentriert sich auf die letzten Wochen im Leben von „Stones“-Gründer Brian Jones (Leo Gregory), wobei frühere Entwicklungen immer wieder in Rückblenden integriert werden. Soweit so gut. Ich halte den Film schlicht und ergreifend für viel zu harmlos, dies soll also das rasante Leben eines grossen Rockstars sein? Da wird uns Teenie-Sex geboten, wo bleiben die Ausschweifungen des drogenabhängigen Erotomanen Brian. Als große Liebe von Jones erscheint im Film Anita Pallenberg (Monet Mazur), eine gewalttätige Amour fou ist ihre Beziehung, die nur in einem Verrat enden konnte. Pallenberg, die große, immer noch unbeschriebene Muse der Musik und des Kinos nicht nur jener Zeit, verließ Jones für Keith Richards. Und dies war wohl auch der Beginn der Talfahrt des Brian Jones.Da Woolley den Bauunternehmer Frank Thorogood (Paddy Considine) als Mörder von Jones sieht, nimmt das Verhältnis zwischen dem Musiker und dem Handwerker einen grossen Raum ein. Ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis entsteht bald zwischen den beiden Männern, eine sadomasochistische, latent homosexuelle Beziehung, wie sie bereits in Cammells „Performance“ behandelt wurde. Der androgyne Brian Jones erscheint dabei immer mehr wie eine bizarre Mischung aus Rimbaud und Norma Desmond. Wie pragmatische Business-Leute wirken dann auch Jagger und Co., als sie Jones einmal kurz besuchen und den Träumer endgültig aufs Abstellgleis schicken. Und dann wäre da noch die Musik, die Stones scheinen von Woolleys Film nicht begeistert gewesen zu sein, haben sie ihm jegliche Rechte an den Songs verweigert. Einzig eine für mich viel zu kurze Sequenz einer Session an der legendären Edith Groove, als die jungen Richards und Jones den frühen Sound der Rolling Stones fanden. Trotzdem – für Musikfans ist “Stoned” ein spannendes Zeitdokument. Mit einem Brian Jones, der Glück als langweilig empfand und lieber im Exzess zugrunde ging, als in Langeweile zu leben.Und ich habe mir wieder mal die alten Stones-Scheiben mit Mister Jones aufgelegt und ich finde sie noch immer genial.

lusch