Tom, vadavia-i-ciapp…

Fantastisches Tom Waits-Konzert in Mailand

Dass ich Tom Waits doch noch  live erleben durfte, verdanke ich wohl nicht zuletzt dem Umstand, dass Waits den Vorverkauf für die gesamte US und Europa-Tour mit einem neuen Ticket-System (Ticketmaster) abwickelte, bei welchem man die Konzertkarten nur mit der passenden ID ausgehändigt bekam. Bei Künstlern wie Waits, welche jeweils nur ein paar ausgewählte und kleinere Locations beehren, finde ich das eine optimale Lösung. Der Schwarzmarkt wird somit gänzlich unterbunden. Nun gut, jedenfalls betrat ich am 17. Juli kurz vor 21 Uhr das Teatro di Arcimboldi in Mailand. Ich gebe gerne zu, dass mein Herz etwas schneller geschlagen hat, als ich meinen Platz auf der Gallerie einnahm. Kurz vor Konzertbeginn ging im Saal plötzlich ein Raunen durchs Publikum, die Leute sprangen auf und tatsächlich, da war er: Roberto Benigni! Er lief mit seiner Frau, Nicoletta Braschi zu seinem Platz und genoss etwas verlegen die Sympathiebekundungen aus dem Publikum. Und dann wars endlich soweit, das Licht ging aus, ein paar Gestalten huschten auf die dunkle Bühne und stimmten unter frenetischem Applaus “Lucinda” an. Es sollte nicht der letzte Song vom wunderbaren Album “Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards” sein. Überhaupt spielte Waits auf der gesamten Tour, durchwegs auserlesen schöne Sets, welche sich quer durch das Musik-Universum dieses Ausnahmekünstlers zogen. Zum Beispiel eine wunderschöne Version von “All the world is green” vom Album “Blood Money” und gleich danach “Black Market Baby”, einer leicht groovenden Reggae-Version. Nach gut einer Stunde schlurfte der Maestro in Richtung Piano und leitete das Solo-Set wie folgt ein: “All day long, people on the street, in the hotel lobby, in taxi cabs, etc. have been coming up to me and saying: ‘Tom, vadavia-i-ciapp’… What is it? Something like ‘Volare’?… Or maybe ‘Welcome to Milan’?”… Das Gros im Saal krümmte sich vor Lachen, aber mir gings gleich, wie den restlichen Zuschauern; ich verstand nichts! Nun: “vadavia-i-ciapp” heisst im Mailänder-Dialekt soviel wie: Hau ab oder “Fuck you”…! Eyeballkid’s Blog sei Dank, sonst würde ich heute noch im Dunkeln tappen und rätseln: was wollte uns der Mann nun damit sagen? Das Piano-Set danach war für mich überragend, nicht zuletzt, weil der Sound perfekt abgemischt war. Und damit bin ich beim einzigen Negativpunkt dieses Konzertes angelangt. Es war definitiv zu leise. Tom Waits mit Band, da fehlten mir ein paar Dezibel Lautstärke. Die Leute vom Lärmschutz hats bestimmt gefreut, hier gabs sicherlich nichts zu bemängeln, das war Zimmerlautstärke. Aber eben, das Konzert als Solches war vom Feinsten: “On the Nickel”, gefolgt von “Tom Traubert’s Blues” und “You can never hold back spring”, welches Waits dann seinem alten Freund “Roberto Benigni” widmete und am Schluss “Innocent when you dream” bei welchem er die Zuschauer dazu aufforderte mitzusingen… “the bats are in the belfry… ja, was diese dann auch lauthals taten. Die Band setzte wieder ein und zeigte dem Publikum, dass sie vom klassisch anmutenden Song über Latino bis hin zur Polka und funkigen Grooves alles beherrschten. Herauszuheben wäre da vielleicht noch das wunderbare “I’ll shoot the moon” vom Album “Black Rider”. Nach “Makte it rain” war dann allerdings Schluss fürs Erste und Tom Waits verabschiedete sich theatralisch vom Publikum. Diesem reichte das aber noch nicht, Standing Ovations brachten einen sichtlich gut gelaunten Tom Waits nochmals für drei Zugaben auf die Bühne. Auf “Hold on” folgte eine lange bluesige Version von “Goin’ out west” vom Album “Bone Machine” und ganz am Schluss dann, das kürzlich durch Scarlett Johansson gecoverte “Anywhere I lay my head”. Ein wunderbarer Abschluss eines Konzertereignisses, dem ich mit grosser Erwartung entgegengefiebert hatte, ging zu Ende. Und es war grossartig… wie toll das Konzert war, habe ich dann erst richtig realisiert, als kürzlich der amerikanische Radiosender NPR das gesamte Konzert vom 5. Juli 2008 in Atlanta, aufs Netz stellte, samt Link zum mp3-Download. Selbverständlich hochoffiziell und legal, mit Einwilligung des Künstlers, versteht sich…!

Link zum Konzert in Atlanta

Band:
Vincent Henry (Woodwinds)
Casey Waits (Drums)
Omar Torrez (Guitar/Banjo)
Patrick Warren (Keyboard)
Seth Ford-Young (Bass)
Sullivan Waits (Clarinet)

Setlist:
Lucinda (Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards)
Way down in the hole (Frank’s wild years)
Falling Down (Big Time)
November (The Black Rider)
All the world is green (Blood Money)
Black Market Baby (Mule Variations)
Hang down your head (Raindogs)
Misery is the river of the world (Blood Money)
Eyball Kid (Mule Variations)
On the Nickel (Heartattack and Vine)
Tom Traubert’s Blues (Small Change)
You can never hold back spring (Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards)
Innocent when you dream (Frank’s wild years)
Lie to me (Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards)
Hoist that rag (Real Gone)
Trampled rose (Real Gone)
I’ll shoot the moon (The Black Rider)
Jockey full of bourbon (Raindogs)
Dirt in the ground (Bone Machine)
Make it rain (Real Gone)

Hold on (Mule Variations)
Goin’ out west (Bone Machine)
Anywhere I lay my head (Raindogs)

ah

Springsteen fa esplodere San Siro

Ein Konzertereignis der Extraklasse

Auf die Plätze fertig los, heute gibt es was auf die Ohren. Kaum auf der Bühne legt die E-Street-Band und ihr Boss los, und wie. Eddie Cochrans „ Summertime Blues“ hallt kraftvoll durch das weite Rund des San Siro-Stadiums in Mailand. Und wie das passt, auch die hereinbrechende Nacht bringt keine Abkühlung, ein heisser Abend in jeder Beziehung. ” Out in the Streets “, ” Radio Nowhere “, “Prove it all Night ” Gleich einer TGV-Lokomotive donnert Spingsteen durch das Programm, lässt die E-Street-Band kaum zu Atem kommen, next Stopp – Rock’n’Roll Heaven. Also, die Band: Musiker, die seit so vielen Jahren zusammen spielen und immer noch Spass miteinander haben. Max Weinberg am Schlagwerk, mit der Kraft eines Hufschmieds hämmert er die Rhythmen in sein Drum-Kit. Little Steven und Nils Lofgren an den Gitarren, die mit kurzen, prägnanten Soli, aber immer mit einem unerbittlichen Drive die Wucht der Songs in die Menge zu treiben. Gary Tallent am Bass, stoisch ruhig, aber immer nach vorn orientiert. Und last but not least “the biggest man on earth” Clarence Clemons, dessen Saxophon von der Menge stürmisch bejubelt wird. Roy Bittan und Charles Giordano an den Tasten, sowie Soozie Tyrell an Gitarre und Violine vervollständigen die Band.
„One, two, three, four!“
„Just wanna hear some rhythm!“ Tausende Gitarren und ein Hammer-Schlagzeug will Bruce. Und Springsteen arbeitet, er schuftet, schwitzt und bolzt über die Bühne, er verzerrt sein Gesicht und schaut melancholisch, flirtet mit den jungen, hübschen Italienerinnen. Er zupft seine Gitarre nicht, sondern würgt sie, prügelt auf sie ein, er stolziert nicht über die schlichte Bühne, er stampft wie ein Cowboy, er rotzt, rockt und schwingt die Arme. Mit jeder Geste erinnert er an seine Helden aus der amerikanischen Arbeiterschicht, ein Woody Guthrie des 21 Jahrhunderts. Mit seinen Songs über ausgediente Minen, die Trostlosigkeit der Arbeitslosen, den unbezahlbaren Krediten der Farmer, den bezauberten Girls in ihren engen Bluejeans und den Suchenden auf den endlosen Highways. Ihnen allen hat er ein musikalisches Vermächtnis geschenkt. Wie schrieb doch Jon Landau 1974 im Sog eines Springsteen-Konzerts; “Ich habe die Zukunft des Rock ‘n’ Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen.” Und ich habe ihn an diesem Abend verstanden. „Livin’ In The Future“, und von 1974 aus betrachtet, stimmt das auch. Langjährige Springsteen-Fans, wie Suzy und Nöggi, meine Begleiter an diesem Abend, sind ja sicher in Sachen Intensität einiges gewohnt, aber für mich, inmitten 65000 begeisterter Zuhörer sorgt es für einen Gänsehautschauer nach dem anderen. Und dies alles–schweissgebadet. Was da an Kraft und Spirit von der Bühne kommt, stärkt die Seele, hilft mir, sich den kleinen oder großen Unwegsamkeiten des Lebens mit einem Lächeln zu stellen. Nachvollziehbar, dass für viele, die dem “Boss” durch ganz Europa nachreisen, diese Konzerte eine Art spirituelles Ereignis sind. Ein weiterer Höhepunkt, Nils Lofgren lässt seine Gitarre in „Because the Night“ von der Leine, macht einfach nur Spass, mein Rock’n’Roll Herz ist entzückt, der TGV rast durch meinen Kopf. Mehr, schneller, lauter, meine Schweissdrüsen (In der Haut liegende Drüsen, die zum Kühlen der Hautoberfläche eine Flüssigkeit absondern, die zu 99% aus Wasser, etwas Kochsalz, Harnstoff und Fettsäuren besteht) arbeiten auf Hochtouren . Harnstoff? Vor uns tanzt ein junges Girl, und dies während den ganzen drei Stunden, und alles ohne eine einzige Schweissperle. Mit meinem Stoffwechsel kann was nicht stimmen. Nun gut, mein fünfzigster Geburtstag steht vor der Tür( Es lebe der Zentralfriedhof). „Girls in Their Summer Clothes“, die erste Zugabe, des Mannes liebste Jahreszeit…… Das umwerfende „ Detroit Medley“ bestehend aus „ Devil In Blue Jeans“,“Good Golly Miss Molly“,“C.C Rider“, „Jeanie Jeanie Jeanie“ lässt mich mein Alter vergessen. Als letzte der acht Zugaben, gibt uns Springsteen ein rockiges „ Twist And Shout“. Da könnte man sogar zum Beatles-Fan mutieren.
Über den Weg zurück ins Hotel, möchte ich nur einen grossen schwarzen Mantel des Schweigens legen; „Long Walk Home“

luckylusch

Most beautiful song ever heard…

…solche und ähnliche Kommentare liest man zu diesem Video bei YouTube. Per Zufall stolperte ich kürzlich über diese Aufnahme aus einem ACL (Austin City Limits)-Konzert. Da sitzt sie nun also, die “Crème de la Crème” der Singer-Songwriter-Zunft, meist die Arme auf der Gitarre abgestützt. Lyle Lovett, Townes van Zandt, Nanci Griffith, Steve Earle und Guy Clark, meine ich erkannt zu haben. Nanci Griffith und ihr Keyboarder James Hooker singen im Duett “Tecumseh Valley”, ein wunderschöner Song vom leider viel zu früh verstorbenen “Texas Troubadour” Townes van Zandt. Auf dem 1993 erschienenen Album “Other Voices, other Rooms” sang Nanci das Duett übrigens mit Arlo Guthrie. Aber diese Aufnahme mit James Hooker ist wie von einem anderen Stern. Da passt einfach alles hundertprozentig zusammen, die Gesangs-, die Klavierlinien, die Intensität…
Vielleicht nicht most beautiful song, aber bestimmt, one of the most beautiful songs ever heard.

ah

Abgrundtief schön…

The Tiger Lillies: Adrian Stout, Martyn Jacques und Adrian Huge         photo by bLUE

Mit “Freakshow” aus dem wunderbaren Album “Circus Songs” eröffnen die Tiger Lillies ihr Konzert im ausverkauften Theater an der Mürg, anlässlich der “Stanser Musiktage”. “This Freakshow is the best in town…” singt Martyn Jacques im Refrain, “… this Freakshow is the worst around” und damit sind wir mittendrin in der skurilen und bizarren Welt der drei herrlich schrägen Musiker Martyn Jacques (Gesang, Akkordeon, Piano) Adrian Stout (Bass, singende Säge) und Adrian Huge (Schlagwerk).

Mit gemächlichen Pinguinschritten und gequälter, aufgemalter Totenkopffratze bewegt sich Martyn Jacques, gekonnt theatralisch, durch die Welt von Mördern, Huren, Perversen und zwielichtigen Gestalten.
Die Geschichten handeln immer von Randständigen und Verlierern. Das Morbide, Perverse und Selbstzerstörerische, die Blasphemie, die Wolllust, die Völlerei. Von all diesen Dingen erzählt uns der Sänger. Da sind aber auch die clownesken Einlagen von Adrian Huge, dem Schlagzeuger, wenn er z.B. bei “Anger” (aus der gerade erschienenen CD “Seven deadly sins”) seinem Ärger Luft verschafft und mit dem Plastikhammer sein Instrumentarium kurz und klein schlägt. Oder wenn Martyn Jacques am Klavier “Lust”, (ebenfalls aus Seven deadly sins) mit den Worten “You wanna fuck…..the world”, anstimmt und danach mit einem Dildo die Tasten bearbeitet.

Aber bei allem Klamauk wirken diese Herren nie lächerlich. Zu schön sind die tieftraurigen Songs, bei welchen Martyn Jacques mit seiner unglaublichen Falsetstimme, einem einen wohlig kalten Schauer über den Rücken jagen lässt.
Schon fast obligat dann am Schluss des Konzertes die Frage: “Any requests?” Natürlich sind da Wünsche; “Souvenirs” und “Hamster” z.B., welche dann auch prompt erfüllt werden.

Und dann weicht die stinkend, übel riechende Gasse in der ich mich wähne, wieder dem grellen Licht des Saals. Man sieht drei Herren vorbeihuschen. Kurze Zeit später stehen sie beim Ausgang um gutgelaunt die CDs der Konzertbesucher zu unterschreiben. Ich höre ein freundliches “Thank you for comin”. Oh nein, “Thank you!” sage ich und freue mich schon jetzt auf das nächste Konzert der drei überaus sympatischen Herren.

Schön wars, abgrundtief schön…

ah

“Babyshambles” in der Kaserne Basel

Ja, ich habe mich riesig gefreut auf das Konzert der Babyshambles und Nein, ich wurde nicht enttäuscht. Soviel vorweg! Natürlich haben mich einige belächelt und mir bereits das Alternativprogramm von Basel an diesem Abend vorgelegt. Aber wie wir alle wissen, fand das Konzert statt. Die Vorzeichen für das Konzert standen zwar nicht allzu gut, war die Vorgruppe doch wieder einmal mehr als dürftig. Das Schöne an dieser Sache: ich habe den Namen der Band bereits wieder vergessen. Ein paar Minuten nach 21 Uhr betraten Mr. Doherty und Band die Bühne. Und was dann abging, war Rockmusik vom Feinsten. 2 Songs waren gespielt, als der Tourmanager auf die Bühne sprang und die Band nach Hinten riss. Danach sah man 5 Minuten lang keinen Musiker auf der Bühne. Wars das bereits? Mitnichten. Eine sichtlich gut gelaunte Combo betrat, nachdem sich die Leute beruhigt hatten, wieder die Bühne. Zum Erstaunen Vieler, gings im gleichen Stil weiter. Druck- und lustvoll spielte sich eine nahezu perfekte Band durch ihr Repertoire. Und Pete Doherty machte sich dran, mit seinem Gitarrenspiel den satten Sound, welche die Band aufbaute, wieder niederzureissen, was ein paar Musikkritiker dann allerdings als die Ignoranz eines schlechten Gitarristen auslegten. In Wirklichkeit war es die spannende Arbeit einer Band, die mit Perfektion und einer gehörigen Portion Rotz und Frechheit spielte.
It’s only Rock’n’Roll but I like it!!!

Setlist:
Carry On
Delivery
Beg Steal
Pretty Sue
Baddies
Untookie
Side of Road
Boy David
Unbilo
Blinding
You Talk
Sedative
French Bog Jewels
Albion
Pipe Down
Killimangiro
Back from Dead
I Wish
Fuck Forever

ah