I’ll be willin’, to be movin’

iPod sei Dank, dass ich seit einigen Jahren wieder intensiv Musik höre. Während der Arbeit geht das (manchmal) wunderbar. Und wenn mich dann ab und an, der Random-Teufel reitet, so entdecke ich meist wieder neue und zuweilen alte Musikperlen. So geschehen, kürzlich, an einem tristen Montagmorgen. Nach Zappas “Titties and Beer”, welches mich relaxt mitwippen liess, erkannte ich den nächsten Song vom ersten Ton an: Willin’! Lowell George, der Mitbegründer und Kopf von Little Feat hat mich immer fasziniert, mal ganz davon abgesehen, dass dieser Mann halt eben “Willin’” geschrieben hat, einer meiner absoluten und ewigen Lieblingssongs. Zu Willin’ gibt es übrigens eine wunderbare Anekdote: Lowell Georges musikalischen Anfänge finden sich bei den “Mothers of Invention”, Frank Zappas Band. Dort wäre er zu gerne als Sänger und Gitarrist eingestiegen. Nur, Zappa verlangte für Lowells Einstieg, quasi als Mitgift, dessen Song “Willin’”. Das war Lowell George (Gott sei Dank) zu viel und er gründete daraufhin Little Feat. Die wunderschöne Version welche ich hörte, stammt vom Live-Mitschnitt “Waiting for Columbus”, einem Album, welches mich nun schon gut 30 Jahre begleitet. Und es hat noch nichts von seiner Faszination verloren, ganz im Gegenteil, ich habe bis dato in punkto Qualität einfach noch nichts Vergleichbares gehört, jedenfalls fällt mir spontan nichts ein. Wohlverstanden, “Waiting for Columbus” erschien 1978! Ein Jahr vor dem tragischen und leider viel zu frühen Tod von Lowell George. Man mag mich einen Nostalgiker schimpfen, doch Qualität hat für mich kein Verfalldatum. Dies mag vielleicht nicht auf die Bio-Milch der Migros zutreffen, aber bei solchen Meilensteinen der Musikgeschichte stehe ich 100 prozentig zu dieser Aussage.
“Waiting for Columbus” ist für mich das glückliche Zusammentreffen von Genie, Spielfreude und ganz viel Rock’n’Roll-Herz, gepaart mit einer Riesenportion Perfektion! Es passt einfach alles und zwar 100prozentig! Zu schön fand ich da das untenstehende Video bei Youtube. Ich nehme mal an, dass diese Pressekonferenz anlässlich des Auftritts von Little Feat beim Rockpalast 1977 in Köln stattfand.
Wer nun immer noch meint, Mario Barth, Heidi Klum, Dieter Bohlen oder wie sie alle heissen, seien an Peinlichkeit nicht zu übertreffen, dem sei dieses Zeitdokument wärmstens empfohlen. Die Moral der Geschicht… nicht nur Qualität ist zeitlos…

ah

Monday’s Ghost

Kürzlich wurd ich während einer Diskussion gefragt, was denn für mich wirklich grosse Musik ausmache. Wieso lässt dich zum Beispiel “Oasis” völlig kalt und um eine Band aus demselben Genre zu nennen, “Eels” eben nicht. Meine Antwort darauf: Herz! Ganz viel Herz und Authenzität. Und damit bin ich mittendrin in der musikalischen Welt der Sophie Hunger. Diese Frau versteht es, mit ihrer stimmigen Phrasierung Wellen zu glätten um diese im nächsten Moment meterhoch über einem zu zerbersten. Man hat streckenweise das Gefühl, dass jedes einzelne Wort, seine ganz eigene Klangfarbe besitzt und Sophie Hunger versteht es aufs Eindringslichste, damit zu spielen. Obwohl, Spielen wohl das falsche Wort ist, vielmehr ist es ein weiteres wichtiges und intimes Detail in ihrer Musik. Was mit “Sketches on Sea” vor zwei Jahren begann, findet bei “Monday’s Ghost”, ihrem aktuellen Album, die logische Fortsetzung. Und das meine ich absolut nicht abwertend; im Gegenteil! Logische Fortsetzung, weil sie es bereits bei der ersten CD verstand, den Songs eine wunderbare, intime Stimmung einzuverleiben. Bei “Monday’s Ghost” ist die Betonung der Wörter noch intensiver und was vor allem begeistert, ist die Band die nun ins Spiel kommt. Diese harmoniert mit der Stimme von Sophie Hunger so perfekt und feinfühlig, dass einem wohlig warm ums Herz wird. “Monday’s Ghost” gehört für mich zu den wichtigsten und schönsten Alben, welche die Schweizer Musikszene hervorgebracht hat. Ich freue mich auf mehr, auf viel mehr von dieser Ausnahmekünstlerin.
Am 29. November übrigens spielt Sophie Hunger mit den Young Gods im KKL Luzern und auch darauf freue ich mich schon jetzt riesig.
Meine Anspieltipps: Sophie Hunger Blues, Rise and fall, Drainpipes

ah

Wenn der Sommer leise Servus sagt

Doyle Bramhall spielt immer noch in der Champions League

Der texanische Bluesmusiker legt mit „Is it news“ sein drittes Werk in 13 Jahren vor, was ihn nicht gerade in die Gilde der Schwerstabeiter stellt. Aber Doyle Bramhall, 1949 in Dallas, Texas geboren, versüsst uns das Leben mit seinem gelegentlichen Erscheinen immer wieder.
Stevie Ray und Jimmie Vaughan spielten einst in der Band des Texaners, ausserdem schrieb der Trommler, Gitarrist und Sänger einige von Stevies grössten Hits. So zum Beispiel „Dirty Pool”, einen Song, den man auf Stevie Ray Vaughans Debütalbum Texas Flood hören kann. In seiner Heimat ist Doyle Bramhall bekannt wie ein bunter Hund, kein Wunder wenn er solche Scheiben veröffentlicht. Für „Is it news“ hat Bramhall, den aus dem Südwesten Louisianas stammenden Songwriter und Gitarristen C.C. Adcock, als Co-Autor, Produzent und zu meiner Glückseligkeit als Gitarrist mit an Board geholt. Das 2000 erschienene Album „House Rocker” von Charles Clinton Adcock gehört für mich immer noch zum Besten, was der Musikplanet zu bieten hat. Die Musik, zu der es C.C. Adcock hinzieht, ist der Zydeco. Zydeco stammt von der Musik der Kreolen ab, die im Süden der USA zu den französisch sprechenden Schwarzen gehören. Auch hat Mister Adcock nicht vergessen, die Magie des Voodoo`s mit ins Studio zu nehmen.
So ist aus „Is it news“ ein Meisterwerk entstanden, vor dem ich bewundernd mein Haupt neige, auch wenn der Platte jeglicher roter Faden fehlt. Doch genau das sorgt für eine knisternde Spannung. Dem Opener „Lost in the Congo“ fällt es leicht, sich mit stampfendem Bass und einer herrlich klampfenden Hookline ins Gehör zu spielen. Gelegentliches Übersteuern der Verstärker sorgt für den rauen Charakter dieses bluesigen Klangkörpers, der keinen Stillstand zulässt. Der bestimmte Gesang gibt das Zepter aber nicht aus der Hand und lässt das erdige „Is it news“ tief in der Seele wurzeln. Im Gedanken an John Lee Hooker ringt der Bass nach Luft und treibt die Rhythmusgitarren an. „Chateau Strut“ das Bramhall in den 70ern mit Billy Etheridge und Jimmie Vaughan eingespielt hat, versprüht die Zuversicht und Gelassenheit dieser Jahre. Mit „Tortured Soul“ lässt uns Bramhall durch den tiefen Süden von Adcocks Heimat trampen. Deutlich mehr Blues steckt in „Cryin“s Doublebass, welcher polternd den Dachboden durchforstet und nach Fotos vergangener Liebeleien sucht. „I´ll take you away“ macht süchtig, da glaubt sogar ein überzeugter Single wieder an die Liebe. Ganz grosses Kino, ich sehe Lauren Bacall lasziv durch das Bild laufen. Dann lässt der Himmel alle Schleusen offen und lässt „Big“ auf uns niederprasseln. Das erinnert doch sehr an die Warnungen unserer Mütter vor den langhaarigen, in Jeans gekleideten Jungs aus der Nachbarschaft. Laut und tobend krachen die Gitarren über unseren Köpfen. Neben C.C. Adcock zeigt Denny Freeman sein ganzes Können. Doyle nimmt uns an die Hand und begleitet uns durch das wehmütige „Ooh Wee Baby“. Besten Southern Rock gibt es auf „Top Rank Boxing“ zu hören, mit einem coolen Gitarrensolo von Mike Keller. Ein absolutes Highlight ist sicherlich „That Day“, diese Nummer schreib Bramhall unmittelbar nachdem er von Stevie Ray Vaughans Tod erfahren hat. Zwei Gitarren begleiten seine gefühlvolle Hommage an den zu früh verstorbenen Freund. Mit einem weiteren Besuch in der Heimat Adcocks endet dieses tolle Album, Bramhall Drums schlagen den Beat des Südens auf „Little Star“.
Lasst uns also den baldigen Verlust des Sommers sportlich nehmen, und lassen wir uns von Doyle Bramhall sanft in kältere Tage begleiten.

lusch

Tom, vadavia-i-ciapp…

Fantastisches Tom Waits-Konzert in Mailand

Dass ich Tom Waits doch noch  live erleben durfte, verdanke ich wohl nicht zuletzt dem Umstand, dass Waits den Vorverkauf für die gesamte US und Europa-Tour mit einem neuen Ticket-System (Ticketmaster) abwickelte, bei welchem man die Konzertkarten nur mit der passenden ID ausgehändigt bekam. Bei Künstlern wie Waits, welche jeweils nur ein paar ausgewählte und kleinere Locations beehren, finde ich das eine optimale Lösung. Der Schwarzmarkt wird somit gänzlich unterbunden. Nun gut, jedenfalls betrat ich am 17. Juli kurz vor 21 Uhr das Teatro di Arcimboldi in Mailand. Ich gebe gerne zu, dass mein Herz etwas schneller geschlagen hat, als ich meinen Platz auf der Gallerie einnahm. Kurz vor Konzertbeginn ging im Saal plötzlich ein Raunen durchs Publikum, die Leute sprangen auf und tatsächlich, da war er: Roberto Benigni! Er lief mit seiner Frau, Nicoletta Braschi zu seinem Platz und genoss etwas verlegen die Sympathiebekundungen aus dem Publikum. Und dann wars endlich soweit, das Licht ging aus, ein paar Gestalten huschten auf die dunkle Bühne und stimmten unter frenetischem Applaus “Lucinda” an. Es sollte nicht der letzte Song vom wunderbaren Album “Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards” sein. Überhaupt spielte Waits auf der gesamten Tour, durchwegs auserlesen schöne Sets, welche sich quer durch das Musik-Universum dieses Ausnahmekünstlers zogen. Zum Beispiel eine wunderschöne Version von “All the world is green” vom Album “Blood Money” und gleich danach “Black Market Baby”, einer leicht groovenden Reggae-Version. Nach gut einer Stunde schlurfte der Maestro in Richtung Piano und leitete das Solo-Set wie folgt ein: “All day long, people on the street, in the hotel lobby, in taxi cabs, etc. have been coming up to me and saying: ‘Tom, vadavia-i-ciapp’… What is it? Something like ‘Volare’?… Or maybe ‘Welcome to Milan’?”… Das Gros im Saal krümmte sich vor Lachen, aber mir gings gleich, wie den restlichen Zuschauern; ich verstand nichts! Nun: “vadavia-i-ciapp” heisst im Mailänder-Dialekt soviel wie: Hau ab oder “Fuck you”…! Eyeballkid’s Blog sei Dank, sonst würde ich heute noch im Dunkeln tappen und rätseln: was wollte uns der Mann nun damit sagen? Das Piano-Set danach war für mich überragend, nicht zuletzt, weil der Sound perfekt abgemischt war. Und damit bin ich beim einzigen Negativpunkt dieses Konzertes angelangt. Es war definitiv zu leise. Tom Waits mit Band, da fehlten mir ein paar Dezibel Lautstärke. Die Leute vom Lärmschutz hats bestimmt gefreut, hier gabs sicherlich nichts zu bemängeln, das war Zimmerlautstärke. Aber eben, das Konzert als Solches war vom Feinsten: “On the Nickel”, gefolgt von “Tom Traubert’s Blues” und “You can never hold back spring”, welches Waits dann seinem alten Freund “Roberto Benigni” widmete und am Schluss “Innocent when you dream” bei welchem er die Zuschauer dazu aufforderte mitzusingen… “the bats are in the belfry… ja, was diese dann auch lauthals taten. Die Band setzte wieder ein und zeigte dem Publikum, dass sie vom klassisch anmutenden Song über Latino bis hin zur Polka und funkigen Grooves alles beherrschten. Herauszuheben wäre da vielleicht noch das wunderbare “I’ll shoot the moon” vom Album “Black Rider”. Nach “Makte it rain” war dann allerdings Schluss fürs Erste und Tom Waits verabschiedete sich theatralisch vom Publikum. Diesem reichte das aber noch nicht, Standing Ovations brachten einen sichtlich gut gelaunten Tom Waits nochmals für drei Zugaben auf die Bühne. Auf “Hold on” folgte eine lange bluesige Version von “Goin’ out west” vom Album “Bone Machine” und ganz am Schluss dann, das kürzlich durch Scarlett Johansson gecoverte “Anywhere I lay my head”. Ein wunderbarer Abschluss eines Konzertereignisses, dem ich mit grosser Erwartung entgegengefiebert hatte, ging zu Ende. Und es war grossartig… wie toll das Konzert war, habe ich dann erst richtig realisiert, als kürzlich der amerikanische Radiosender NPR das gesamte Konzert vom 5. Juli 2008 in Atlanta, aufs Netz stellte, samt Link zum mp3-Download. Selbverständlich hochoffiziell und legal, mit Einwilligung des Künstlers, versteht sich…!

Link zum Konzert in Atlanta

Band:
Vincent Henry (Woodwinds)
Casey Waits (Drums)
Omar Torrez (Guitar/Banjo)
Patrick Warren (Keyboard)
Seth Ford-Young (Bass)
Sullivan Waits (Clarinet)

Setlist:
Lucinda (Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards)
Way down in the hole (Frank’s wild years)
Falling Down (Big Time)
November (The Black Rider)
All the world is green (Blood Money)
Black Market Baby (Mule Variations)
Hang down your head (Raindogs)
Misery is the river of the world (Blood Money)
Eyball Kid (Mule Variations)
On the Nickel (Heartattack and Vine)
Tom Traubert’s Blues (Small Change)
You can never hold back spring (Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards)
Innocent when you dream (Frank’s wild years)
Lie to me (Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards)
Hoist that rag (Real Gone)
Trampled rose (Real Gone)
I’ll shoot the moon (The Black Rider)
Jockey full of bourbon (Raindogs)
Dirt in the ground (Bone Machine)
Make it rain (Real Gone)

Hold on (Mule Variations)
Goin’ out west (Bone Machine)
Anywhere I lay my head (Raindogs)

ah

Springsteen fa esplodere San Siro

Ein Konzertereignis der Extraklasse

Auf die Plätze fertig los, heute gibt es was auf die Ohren. Kaum auf der Bühne legt die E-Street-Band und ihr Boss los, und wie. Eddie Cochrans „ Summertime Blues“ hallt kraftvoll durch das weite Rund des San Siro-Stadiums in Mailand. Und wie das passt, auch die hereinbrechende Nacht bringt keine Abkühlung, ein heisser Abend in jeder Beziehung. ” Out in the Streets “, ” Radio Nowhere “, “Prove it all Night ” Gleich einer TGV-Lokomotive donnert Spingsteen durch das Programm, lässt die E-Street-Band kaum zu Atem kommen, next Stopp – Rock’n’Roll Heaven. Also, die Band: Musiker, die seit so vielen Jahren zusammen spielen und immer noch Spass miteinander haben. Max Weinberg am Schlagwerk, mit der Kraft eines Hufschmieds hämmert er die Rhythmen in sein Drum-Kit. Little Steven und Nils Lofgren an den Gitarren, die mit kurzen, prägnanten Soli, aber immer mit einem unerbittlichen Drive die Wucht der Songs in die Menge zu treiben. Gary Tallent am Bass, stoisch ruhig, aber immer nach vorn orientiert. Und last but not least “the biggest man on earth” Clarence Clemons, dessen Saxophon von der Menge stürmisch bejubelt wird. Roy Bittan und Charles Giordano an den Tasten, sowie Soozie Tyrell an Gitarre und Violine vervollständigen die Band.
„One, two, three, four!“
„Just wanna hear some rhythm!“ Tausende Gitarren und ein Hammer-Schlagzeug will Bruce. Und Springsteen arbeitet, er schuftet, schwitzt und bolzt über die Bühne, er verzerrt sein Gesicht und schaut melancholisch, flirtet mit den jungen, hübschen Italienerinnen. Er zupft seine Gitarre nicht, sondern würgt sie, prügelt auf sie ein, er stolziert nicht über die schlichte Bühne, er stampft wie ein Cowboy, er rotzt, rockt und schwingt die Arme. Mit jeder Geste erinnert er an seine Helden aus der amerikanischen Arbeiterschicht, ein Woody Guthrie des 21 Jahrhunderts. Mit seinen Songs über ausgediente Minen, die Trostlosigkeit der Arbeitslosen, den unbezahlbaren Krediten der Farmer, den bezauberten Girls in ihren engen Bluejeans und den Suchenden auf den endlosen Highways. Ihnen allen hat er ein musikalisches Vermächtnis geschenkt. Wie schrieb doch Jon Landau 1974 im Sog eines Springsteen-Konzerts; “Ich habe die Zukunft des Rock ‘n’ Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen.” Und ich habe ihn an diesem Abend verstanden. „Livin’ In The Future“, und von 1974 aus betrachtet, stimmt das auch. Langjährige Springsteen-Fans, wie Suzy und Nöggi, meine Begleiter an diesem Abend, sind ja sicher in Sachen Intensität einiges gewohnt, aber für mich, inmitten 65000 begeisterter Zuhörer sorgt es für einen Gänsehautschauer nach dem anderen. Und dies alles–schweissgebadet. Was da an Kraft und Spirit von der Bühne kommt, stärkt die Seele, hilft mir, sich den kleinen oder großen Unwegsamkeiten des Lebens mit einem Lächeln zu stellen. Nachvollziehbar, dass für viele, die dem “Boss” durch ganz Europa nachreisen, diese Konzerte eine Art spirituelles Ereignis sind. Ein weiterer Höhepunkt, Nils Lofgren lässt seine Gitarre in „Because the Night“ von der Leine, macht einfach nur Spass, mein Rock’n’Roll Herz ist entzückt, der TGV rast durch meinen Kopf. Mehr, schneller, lauter, meine Schweissdrüsen (In der Haut liegende Drüsen, die zum Kühlen der Hautoberfläche eine Flüssigkeit absondern, die zu 99% aus Wasser, etwas Kochsalz, Harnstoff und Fettsäuren besteht) arbeiten auf Hochtouren . Harnstoff? Vor uns tanzt ein junges Girl, und dies während den ganzen drei Stunden, und alles ohne eine einzige Schweissperle. Mit meinem Stoffwechsel kann was nicht stimmen. Nun gut, mein fünfzigster Geburtstag steht vor der Tür( Es lebe der Zentralfriedhof). „Girls in Their Summer Clothes“, die erste Zugabe, des Mannes liebste Jahreszeit…… Das umwerfende „ Detroit Medley“ bestehend aus „ Devil In Blue Jeans“,“Good Golly Miss Molly“,“C.C Rider“, „Jeanie Jeanie Jeanie“ lässt mich mein Alter vergessen. Als letzte der acht Zugaben, gibt uns Springsteen ein rockiges „ Twist And Shout“. Da könnte man sogar zum Beatles-Fan mutieren.
Über den Weg zurück ins Hotel, möchte ich nur einen grossen schwarzen Mantel des Schweigens legen; „Long Walk Home“

luckylusch

The Felice Brothers

Bei mir läuft im Moment auf dem iPod eine CD in der Endlosschleife: The Felice Brothers. Das sind drei Brüder aus dem ländlichen New York: Simone, Ian und James Felice und als einziger Nicht-Feliceaner, der Bassist Christmas Farley. Die Musik erinnert streckenweise stark an his Bobness “Mr. Dylan”, genauer: an die frühen 70er Jahre, als Bob Dylan mit “The Band” spielte. Da trifft Folk auf Bluegrass und Country, es scheppert das Honkytonkklavier, ein Bläsersatz ertönt in bester NewOrleans-Manier und im Hintergrund lädt ein grölender Chor zum Mitsingen ein. Selten habe ich eine Band so relaxt und mit so viel Gefühl musizieren gehört.
Dass die vier sympathischen, dem Alkohol sichtlich nicht abgeneigten Musiker, an der Produktion dieser wunderbaren CD ihre helle Freude gehabt haben, spürt man in jedem Moment dieser Aufnahmen. Manchmal scheint es gar, als wäre dieses Juwel in einem Saloon in irgend einem kleinen Kaff mitten in der Wüste live eingespielt worden. Als Zuhörer sitzt man dann zusammen mit ein paar anderen kuriosen Gestalten an der Bar und starrt mit offenem Mund auf die vier skurilen jungen Typen, welche in einer schummrigen Ecke mit ihren verstimmten Instrumenten einen Sound herzaubern, dass einem richtig warm ums Herz wird. Wunder-, wunderschön!
Anspielttipps: Whiskey in my Whiskey, Ruby Mae, Frankies Gun, Greatest Show on Earth!
In Amerika sollen die Felice Brothers scheinbar mit einem gewissen Justin Townes Earle auf Tour sein! Diesen Mann haben wir ja bereits in diesem Blog vorgestellt.
Wer weiss, vielleicht schaffen es diese Herren ja auch mal in die Schweiz. Wäre zu schön…

ah

Most beautiful song ever heard…

…solche und ähnliche Kommentare liest man zu diesem Video bei YouTube. Per Zufall stolperte ich kürzlich über diese Aufnahme aus einem ACL (Austin City Limits)-Konzert. Da sitzt sie nun also, die “Crème de la Crème” der Singer-Songwriter-Zunft, meist die Arme auf der Gitarre abgestützt. Lyle Lovett, Townes van Zandt, Nanci Griffith, Steve Earle und Guy Clark, meine ich erkannt zu haben. Nanci Griffith und ihr Keyboarder James Hooker singen im Duett “Tecumseh Valley”, ein wunderschöner Song vom leider viel zu früh verstorbenen “Texas Troubadour” Townes van Zandt. Auf dem 1993 erschienenen Album “Other Voices, other Rooms” sang Nanci das Duett übrigens mit Arlo Guthrie. Aber diese Aufnahme mit James Hooker ist wie von einem anderen Stern. Da passt einfach alles hundertprozentig zusammen, die Gesangs-, die Klavierlinien, die Intensität…
Vielleicht nicht most beautiful song, aber bestimmt, one of the most beautiful songs ever heard.

ah

Little Rock ‘N’ Roller hat ausgeschlafen

Was für ein Privileg hatte dieser Kerl als Kind, konnte er doch einen „Gute Nachtsong“ sein Eigen nennen. Auf dem 1986 erschienenen Album „Guitar Town“ sang Steve Earle in Little Rock ‘N’ Roller; „cause I know there’s an angel just for rock ‘n’ rollers, watchin’ over you and your daddy tonight, go to sleep little rock ‘n’ roller”. Nun der kleine Rocker hat Ausgeschlafen, und er muss vor dem Einschlafen eine Menge guter Musik gehört haben. Nach der 2007 veröffentlichten EP „ Yuma“, stellt Justin Townes Earle mit “The Good Life” seine erste CD vor. Und das Teil fährt mir ein, wie ein kühles Bier an einem heissen Sommerabend. Auf “The Good Life” ist eine wunderbare Melange aus den Wurzeln amerikanischer Musik zu hören. Durch die Songs schleicht der Geist Townes Van Zandt’s, die Eleganz eines Guy Clark ist zu hören, Bruce Springsteen begleitet seinen jungen Musikerkollegen durch „Lone Pine Hill“ und die Einsamkeit eines Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Die Stimme von Justin Townes zeigt in manchen Phasen eine frappante Nähe zu Vater Steve (aus dessen Band er nach kurzem Gastspiel als Keyboarder und Gitarrist gefeuert wurde, ja auch kleine Rock ‘N’ Roller werden störrisch, vor allem, wenn sie zu sehr nach dem Vater geraten). Doch über Allem schwebt das feinsinnige Herz eines Gram Parsons, der im Titelsong unverkennbar Pate stand. Zu erwähnen wäre auch noch Justin Townes tolle Band, Pedal-Steel-Gitarrist Pete Finney (Dixie Chicks, Patty Lovelace), Bassist Bryn Davies (Patty Griffin, Guy Clark) und dem Schlagzeuger Bryan Owings (Buddy Miller, Shelby Lynne), sowie dem Keyboarder Skylar Wilson und an der Geige Josh Hedley. Für mich ein erstes musikalisches Highlight in diesem Jahr. Und alle, die mich ein wenig kennen, wissen, dass ich an einem Sommerabend nicht nach einem Bier heimgehe. Also schalt ich den Computer aus, setz mir die Kopfhörer auf und lass mich von Justin Townes Earle durch das gute Leben begleiten.

lusch

Abgrundtief schön…

The Tiger Lillies: Adrian Stout, Martyn Jacques und Adrian Huge         photo by bLUE

Mit “Freakshow” aus dem wunderbaren Album “Circus Songs” eröffnen die Tiger Lillies ihr Konzert im ausverkauften Theater an der Mürg, anlässlich der “Stanser Musiktage”. “This Freakshow is the best in town…” singt Martyn Jacques im Refrain, “… this Freakshow is the worst around” und damit sind wir mittendrin in der skurilen und bizarren Welt der drei herrlich schrägen Musiker Martyn Jacques (Gesang, Akkordeon, Piano) Adrian Stout (Bass, singende Säge) und Adrian Huge (Schlagwerk).

Mit gemächlichen Pinguinschritten und gequälter, aufgemalter Totenkopffratze bewegt sich Martyn Jacques, gekonnt theatralisch, durch die Welt von Mördern, Huren, Perversen und zwielichtigen Gestalten.
Die Geschichten handeln immer von Randständigen und Verlierern. Das Morbide, Perverse und Selbstzerstörerische, die Blasphemie, die Wolllust, die Völlerei. Von all diesen Dingen erzählt uns der Sänger. Da sind aber auch die clownesken Einlagen von Adrian Huge, dem Schlagzeuger, wenn er z.B. bei “Anger” (aus der gerade erschienenen CD “Seven deadly sins”) seinem Ärger Luft verschafft und mit dem Plastikhammer sein Instrumentarium kurz und klein schlägt. Oder wenn Martyn Jacques am Klavier “Lust”, (ebenfalls aus Seven deadly sins) mit den Worten “You wanna fuck…..the world”, anstimmt und danach mit einem Dildo die Tasten bearbeitet.

Aber bei allem Klamauk wirken diese Herren nie lächerlich. Zu schön sind die tieftraurigen Songs, bei welchen Martyn Jacques mit seiner unglaublichen Falsetstimme, einem einen wohlig kalten Schauer über den Rücken jagen lässt.
Schon fast obligat dann am Schluss des Konzertes die Frage: “Any requests?” Natürlich sind da Wünsche; “Souvenirs” und “Hamster” z.B., welche dann auch prompt erfüllt werden.

Und dann weicht die stinkend, übel riechende Gasse in der ich mich wähne, wieder dem grellen Licht des Saals. Man sieht drei Herren vorbeihuschen. Kurze Zeit später stehen sie beim Ausgang um gutgelaunt die CDs der Konzertbesucher zu unterschreiben. Ich höre ein freundliches “Thank you for comin”. Oh nein, “Thank you!” sage ich und freue mich schon jetzt auf das nächste Konzert der drei überaus sympatischen Herren.

Schön wars, abgrundtief schön…

ah

Schön traurig

Anlässlich des Konzertes von Mary Gauthier am 15.04 im Quasimodo, Berlin

“Everything worth holding slips through my fingers, Now my hands wrapped around the handle of a gun, I’m holding on to the handle of a gun“ singt Mary Gauthier im ersten Song ihres fünften Albums „Between Daylight And Dark“. Mit tiefer und todtrauriger Stimme besingt Gauthier in „Snakebit“ einen Mord. Eine Verzweiflung, die dem gesamten Album zugrunde liegt. Die Themen sind Zerbrochenheit, Selbstfindung, unerbittlicher Kampf, Trennung, Abschied und Schmerz. Alle diese Themen kommen in “Can’t Find The Way” zusammen. Der Song erinnert an Bob Dylan’s “I Shall Be Released”, nur mit weniger Hoffnung und mehr Frustration. Liebe und Geborgenheit erzeugen nur vorübergehende Glücksgefühle und stürzen einen nur noch tiefer ins Loch der Depression (“Before You Leave”, “Please”, “Same Road”). Da stellt sich die Frage ob es sich lohnt, sich mit dieser ganzen Trostlosigkeit auseinander zu setzen? Ja und nochmals ja, hört euch diese vom Leben gezeichnete Frau an. Ein von Joe Henry wunderbar produziertes Album, dem es gelungen ist, mit Marys Gespenstern zeitlos durch die Songs zu wandern. Stilistisch zwischen Folk und Country angesiedelt, gelingt es Gauthiers Dämonen etwas zu besänftigen. “Between Daylight And Dark” ist eine CD die ich sicher nicht allzu oft anhören werde, aber die sich schon jetzt in meine musikalische Seele gebrannt hat.
Wie sang Miss Gauthier 2001 in “I Drink“:
Fish swim
Birds fly
Lovers leave
By and by
Old men
Sit and think
I drink

Ja genau, ich auch.

lusch