Abtauchen…

Bild entnommen aus dem Programmheft “Eintauchen…” vom Circus Monti

Ich weiss nicht wie es euch geht, aber ich empfand Zirkusluft nie als etwas Magisches oder gar Geheimnisvolles, das war schon als Kind so. Obwohl ich nur ein paar Meter entfernt von der Wiese aufwuchs, wo jedes Jahr der Zirkus “KNIE” und der Zirkus “NOCK” seine Zelte aufschlugen. Für mich war da zu viel Glammer, zu viel Schminke und vor allem hatte es für mich viel zu viele Tiernummern. Nun ja, dem kann ich heute problemlos ausweichen. Ausser…die Kinder fragen ganz aufgeregt: “Papi gehen wir heute in den Zirkus?” Natürlich könnte ich sagen: “Wisst ihr, das ist wie bei McDonalds, da gehe ich ungern hin, aber fragt doch mal “Tante Coni”, die kommt bestimmt mit!” Das mit der Tante und McDonalds funktioniert meist wunderbar, aber beim Zirkus bin ich mir nicht so sicher. Also, lasse ich mich von Zeit zu Zeit wieder auf das Abenteuer “Manege frei” ein. Allerdings mit dem stets ernüchternden Fazit: “Wieso tu ich mir das immer wieder an? Ich-bin-kein-Zirkusmensch!”
Vor ein paar Tagen war es also wieder mal soweit; Sonntagnachmittag, Regen, vier Zirkus-Tickets und meine Abneigung mussten irgendwie unter einen Hut gebracht werden. Nun gut, was solls, den Kindern zuliebe stürze ich mich in mein nächstes Abenteuer. Beim Alpenquai in Luzern gastierte der “Circus Monti”. Nicht ganz ohne Hintergedanken, kaufte ich mir beim Eingang ein Programmheft “…entschudigt bitte, ich muss kurz aufs Klo… ja ich weiss, ausgerechnet bei der Pferdedressur, aber ich muss wirklich unbedingt…” Solche und ähnliche Szenarien gingen mir bereits durch den Kopf, aber, ups, was war das? Kein Hochglanzprospekt im gängigen A4- oder A5-Format. Eine hochformatige, wunderbar gestaltete Broschüre mit Illustrationen und herrlichen Fotografien machten mich für Einmal “gluschtig” auf Mehr. Gespannt setzte ich mich mit den Kindern auf die gepolsterten Sitzreihen. Das Licht ging aus und in die beleuchtetete Manege stürzten zwei Fischer in voller Angler-Montur. Was war denn das? Wo bleibt die obligate, monotone Ansprache des Zirkusdirektors? Und wo sind die quirligen Lilliputaner und, und…. Nichtsdergleichen.
Was da geboten wurde, war Unterhaltung unter der Zirkuskuppel, wie ich sie vorher noch nie erlebt hatte. Tolle Akrobaten mit Hand auf Hand-Darbietungen, Jonglage, Washington-Trapez, Bungee, Diabolo und chinesischem Mast… aber plötzlich war es wieder da, mein Problem… die Tiernummer….! Aber da trabten weder Pferde, noch Löwen, noch Elefanten in der Manege im Kreis. Nein: 3 Gänse und ein Zwergesel, begleitet vom zweitjüngsten Spross der Familie Muntwyler begeisterten das vorwiegend junge Publikum. Nun war der Bann bei mir definitiv gebrochen.
Die Artisten waren in diesem Moment Handwerker, im Nächsten, Künstler und zugleich immer auch Animatoren. Was dem ganzen Programm aber die Krone aufsetzte, war die Band. Da wurde in “James Brown”-Manier gejamt, jazzig gebebopt oder auch mal jamaicanisch gegroovt.
Kurzum: ich war total begeistert!
Mein Fazit:
1. Beim Circus Monti ist soviel Liebe zum Detail zu spüren, dass einem richtig warm ums Herz wird … und
2. Ich bin halt ein Circus- und kein Zirkusmensch!
Ach ja, im nächsten Jahr werde ich meine Kinder mit “Monti-Tickets” überraschen, ohne Widerwillen versteht sich und das mit McDonalds überlege ich mir auch noch einmal… vielleicht! Oder was meinst du Coni?

ah

Most beautiful song ever heard…

…solche und ähnliche Kommentare liest man zu diesem Video bei YouTube. Per Zufall stolperte ich kürzlich über diese Aufnahme aus einem ACL (Austin City Limits)-Konzert. Da sitzt sie nun also, die “Crème de la Crème” der Singer-Songwriter-Zunft, meist die Arme auf der Gitarre abgestützt. Lyle Lovett, Townes van Zandt, Nanci Griffith, Steve Earle und Guy Clark, meine ich erkannt zu haben. Nanci Griffith und ihr Keyboarder James Hooker singen im Duett “Tecumseh Valley”, ein wunderschöner Song vom leider viel zu früh verstorbenen “Texas Troubadour” Townes van Zandt. Auf dem 1993 erschienenen Album “Other Voices, other Rooms” sang Nanci das Duett übrigens mit Arlo Guthrie. Aber diese Aufnahme mit James Hooker ist wie von einem anderen Stern. Da passt einfach alles hundertprozentig zusammen, die Gesangs-, die Klavierlinien, die Intensität…
Vielleicht nicht most beautiful song, aber bestimmt, one of the most beautiful songs ever heard.

ah

Little Rock ‘N’ Roller hat ausgeschlafen

Was für ein Privileg hatte dieser Kerl als Kind, konnte er doch einen „Gute Nachtsong“ sein Eigen nennen. Auf dem 1986 erschienenen Album „Guitar Town“ sang Steve Earle in Little Rock ‘N’ Roller; „cause I know there’s an angel just for rock ‘n’ rollers, watchin’ over you and your daddy tonight, go to sleep little rock ‘n’ roller”. Nun der kleine Rocker hat Ausgeschlafen, und er muss vor dem Einschlafen eine Menge guter Musik gehört haben. Nach der 2007 veröffentlichten EP „ Yuma“, stellt Justin Townes Earle mit “The Good Life” seine erste CD vor. Und das Teil fährt mir ein, wie ein kühles Bier an einem heissen Sommerabend. Auf “The Good Life” ist eine wunderbare Melange aus den Wurzeln amerikanischer Musik zu hören. Durch die Songs schleicht der Geist Townes Van Zandt’s, die Eleganz eines Guy Clark ist zu hören, Bruce Springsteen begleitet seinen jungen Musikerkollegen durch „Lone Pine Hill“ und die Einsamkeit eines Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Die Stimme von Justin Townes zeigt in manchen Phasen eine frappante Nähe zu Vater Steve (aus dessen Band er nach kurzem Gastspiel als Keyboarder und Gitarrist gefeuert wurde, ja auch kleine Rock ‘N’ Roller werden störrisch, vor allem, wenn sie zu sehr nach dem Vater geraten). Doch über Allem schwebt das feinsinnige Herz eines Gram Parsons, der im Titelsong unverkennbar Pate stand. Zu erwähnen wäre auch noch Justin Townes tolle Band, Pedal-Steel-Gitarrist Pete Finney (Dixie Chicks, Patty Lovelace), Bassist Bryn Davies (Patty Griffin, Guy Clark) und dem Schlagzeuger Bryan Owings (Buddy Miller, Shelby Lynne), sowie dem Keyboarder Skylar Wilson und an der Geige Josh Hedley. Für mich ein erstes musikalisches Highlight in diesem Jahr. Und alle, die mich ein wenig kennen, wissen, dass ich an einem Sommerabend nicht nach einem Bier heimgehe. Also schalt ich den Computer aus, setz mir die Kopfhörer auf und lass mich von Justin Townes Earle durch das gute Leben begleiten.

lusch

Abgrundtief schön…

The Tiger Lillies: Adrian Stout, Martyn Jacques und Adrian Huge         photo by bLUE

Mit “Freakshow” aus dem wunderbaren Album “Circus Songs” eröffnen die Tiger Lillies ihr Konzert im ausverkauften Theater an der Mürg, anlässlich der “Stanser Musiktage”. “This Freakshow is the best in town…” singt Martyn Jacques im Refrain, “… this Freakshow is the worst around” und damit sind wir mittendrin in der skurilen und bizarren Welt der drei herrlich schrägen Musiker Martyn Jacques (Gesang, Akkordeon, Piano) Adrian Stout (Bass, singende Säge) und Adrian Huge (Schlagwerk).

Mit gemächlichen Pinguinschritten und gequälter, aufgemalter Totenkopffratze bewegt sich Martyn Jacques, gekonnt theatralisch, durch die Welt von Mördern, Huren, Perversen und zwielichtigen Gestalten.
Die Geschichten handeln immer von Randständigen und Verlierern. Das Morbide, Perverse und Selbstzerstörerische, die Blasphemie, die Wolllust, die Völlerei. Von all diesen Dingen erzählt uns der Sänger. Da sind aber auch die clownesken Einlagen von Adrian Huge, dem Schlagzeuger, wenn er z.B. bei “Anger” (aus der gerade erschienenen CD “Seven deadly sins”) seinem Ärger Luft verschafft und mit dem Plastikhammer sein Instrumentarium kurz und klein schlägt. Oder wenn Martyn Jacques am Klavier “Lust”, (ebenfalls aus Seven deadly sins) mit den Worten “You wanna fuck…..the world”, anstimmt und danach mit einem Dildo die Tasten bearbeitet.

Aber bei allem Klamauk wirken diese Herren nie lächerlich. Zu schön sind die tieftraurigen Songs, bei welchen Martyn Jacques mit seiner unglaublichen Falsetstimme, einem einen wohlig kalten Schauer über den Rücken jagen lässt.
Schon fast obligat dann am Schluss des Konzertes die Frage: “Any requests?” Natürlich sind da Wünsche; “Souvenirs” und “Hamster” z.B., welche dann auch prompt erfüllt werden.

Und dann weicht die stinkend, übel riechende Gasse in der ich mich wähne, wieder dem grellen Licht des Saals. Man sieht drei Herren vorbeihuschen. Kurze Zeit später stehen sie beim Ausgang um gutgelaunt die CDs der Konzertbesucher zu unterschreiben. Ich höre ein freundliches “Thank you for comin”. Oh nein, “Thank you!” sage ich und freue mich schon jetzt auf das nächste Konzert der drei überaus sympatischen Herren.

Schön wars, abgrundtief schön…

ah