Profit essen Gewissen auf

Peking – Ein chinesisches Gericht hat einen Bürgerrechtsaktivisten zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil dieser sich in einem offenen Brief für die Respektierung von Menschenrechten eingesetzt hat. Der 52-jährige ehemalige Fabrikarbeiter Yang Chunlin war in der Stadt Jiamusi in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang (Mandschurei) der “Untergrabung der Staatsmacht” angeklagt worden, wie ein Gerichtssprecher am Montag bestätigte. Yang hatte mehr als zehntausend Unterschriften für einen offenen Brief mit dem Titel “Wir wollen Menschenrechte, nicht die Olympischen Spiele” gesammelt.

Soweit die nüchterne Meldung der SDA. Nach dem beschämenden Prozess gegen den Bürgerrechtler Hu Jia in Peking, bei dem dessen Anwälte an seiner Verteidigung behindert worden sind, also ein zweiter Fall von chinesischer Gerichtsbarkeit. Justitia reibt sich verwundert die Augen. Aber ist sie da nicht ein wenig zu streng? Yang Chunlin darf seinen Kopf behalten, ja nicht einmal die Hände werden ihm abgehackt. Und was bitte schön sind schon fünf Jahre für die schwerwiegende Anklage der “Untergrabung der Staatsmacht“. Muss doch ein gelobtes Land sein, in dem es einem 52-jährigen ehemaligen Fabrikarbeiter möglich ist, die Staatsmacht zu untergraben. Ist der Zusammenbruch der Staatsmacht, sagen wir mal für zehn Jahre Knast zu haben? Aber vielleicht liegt alles an der lausigen Übersetzung ins Deutsche? Und dies wäre alles andere als neu. Schon nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes der Tibeter 1959, setzte Peking die “demokratischen Reformen” in ganz Tibet durch, in deren Verlauf bis zum Beginn der Kulturrevolution 1966 über 90% der Klöster, Tempel und Kulturdenkmäler zerstört wurden. Als Demokratie (von griechisch demos: Volk und kratein: herrschen) bezeichnet man jene politischen Ordnungen, in denen sich die Herrscher auf den Willen des Volkes berufen. Der Volkswille soll in kollektiven Abstimmungen zum Ausdruck kommen, wobei die Mehrheit bestimmt, was zu geschehen hat. Ach so!
Und jetzt lese ich in Kommentaren und Kolumnen dass ein Boykott der olympischen Spiele in China keine Alternative wäre. Ja um Gottes Willen, liebe Leute, Alternative zu was bitte? Der Tod ist doch auch keine Alternative zum Leben, leben wir also ewig. Und für die eigene Überzeugung einzustehen, dafür gibt es doch auch keine Alternative. Ich gebe doch einem Vater der seine Kinder missbraucht, nicht meine Legitimation, indem ich am Geburtstag seiner Tochter den Clown mache. Aber wenn, sagen wir mal, ich durch diesen Herrn einfach an viel Geld komme, dann verkompliziert dies die Sache doch erheblich. Und genau das ist die Krucks. Der Westen ist dabei sich auf Kosten der chinesischen Bevölkerung zu sanieren, das, was wir Jahrhunderte in Afrika veranstaltet haben, haben wir jetzt auf China ausgeweitet. Globalisierung, schon klar. Profit, und alle machen mit, ein wahrlich olympischer Gedanke. Aber seien wir doch wenigstens ehrlich, wenn wir schon unser Gewissen verkauft haben. Sagen wir also, wir machen gute Geschäfte mit den Chinesen und alles andere, Menschenrechte, Arbeitsbedingungen oder gar Umweltschutz sind zweitrangig und haben weder auf unsere finanzielle, noch auf unsere moralische Bilanz einen Einfluss. So, und kann mir jetzt noch jemand sagen, wie viel die Zeitverschiebung zu China beträgt, damit ich weiss ob ich zum 100-Meterfinal, Pommes-Chips oder Gipfeli kredenzen muss……………….

lusch

Schön traurig

Anlässlich des Konzertes von Mary Gauthier am 15.04 im Quasimodo, Berlin

“Everything worth holding slips through my fingers, Now my hands wrapped around the handle of a gun, I’m holding on to the handle of a gun“ singt Mary Gauthier im ersten Song ihres fünften Albums „Between Daylight And Dark“. Mit tiefer und todtrauriger Stimme besingt Gauthier in „Snakebit“ einen Mord. Eine Verzweiflung, die dem gesamten Album zugrunde liegt. Die Themen sind Zerbrochenheit, Selbstfindung, unerbittlicher Kampf, Trennung, Abschied und Schmerz. Alle diese Themen kommen in “Can’t Find The Way” zusammen. Der Song erinnert an Bob Dylan’s “I Shall Be Released”, nur mit weniger Hoffnung und mehr Frustration. Liebe und Geborgenheit erzeugen nur vorübergehende Glücksgefühle und stürzen einen nur noch tiefer ins Loch der Depression (“Before You Leave”, “Please”, “Same Road”). Da stellt sich die Frage ob es sich lohnt, sich mit dieser ganzen Trostlosigkeit auseinander zu setzen? Ja und nochmals ja, hört euch diese vom Leben gezeichnete Frau an. Ein von Joe Henry wunderbar produziertes Album, dem es gelungen ist, mit Marys Gespenstern zeitlos durch die Songs zu wandern. Stilistisch zwischen Folk und Country angesiedelt, gelingt es Gauthiers Dämonen etwas zu besänftigen. “Between Daylight And Dark” ist eine CD die ich sicher nicht allzu oft anhören werde, aber die sich schon jetzt in meine musikalische Seele gebrannt hat.
Wie sang Miss Gauthier 2001 in “I Drink“:
Fish swim
Birds fly
Lovers leave
By and by
Old men
Sit and think
I drink

Ja genau, ich auch.

lusch

Ösiianisch- Lektion 1

Ich werde versuchen an dieser Stelle regelmässig, in unregelmässigen Abständen, meinen lieben Schweizer Freunden die Sprache der Österreicher|innen näher zu bringen. Auch in Österreich gibt es unterschiedliche Dialekte. Mein Hauptaugenmerk wird sich auf den von mir favorisierten Wiener Dialekt richten, werde aber auch Ausflüge in den Tiroler und Kärntner Sprachraum unternehmen. Heute möchte ich ganz an den Anfang gehen.
So kam der Wiener zu seiner Sprache.
Was nirgends niedergeschrieben, überliefert und vor allem von religiösen Kreisen energisch bestritten wird, die Schöpfung dauerte mitnichten nur sieben Tage. Den Beweis oder zumindest ein starkes Indiz für diese These folgt am Schluss dieser Lektion. Nach sieben Tagen war der Mensch noch sprachlos, übrigens haben einige Exemplare diesen Zustand bis in die heutige Zeit nicht verändert.
Also erschuf Gott am 8.Tage die Sprache, wobei er sich beim Deutsch besonders Detailverliebt zeigte und diese Sprache in Dialekte unterteilte. Im schweizerisch-, österreichischen Alpenraum freilich legte Gott mehr Beachtung auf eine kurze prägnante Ausdrucksweise, mussten doch Berge und Täler überwunden werden. In diesen Gebieten treffen wir noch heute den Ursprung der Sprache beim Jodeln und Juchzen (zum Glück muss ich dieses Wort nur schreiben). Schönes Beispiel für die Einsilbigkeit dieser Dialekte kann der interessierte Leser in der Schweiz beim Jassen, oder in Österreich beim Schnapsen beobachten. Über Stunden wird nur mit kürzesten Sätzen kommuniziert. Gott schien dies gewusst, oder zumindest geahnt zu haben, und scheint in das Feintuning nicht viel Zeit investiert zu haben. Die Auswirkungen ungelenken Sprechens ist in heutiger Zeit bei Ex-Bundesräten zu beobachten………. Trotzdem waren die Menschen zufrieden, überhaupt einen Gags von sich zu geben. Und so verteilte Gott grosszügig weiter Dialekte. Der Berliner hatte sofort seinen Spass; “Icke hab nenn Wahnsinns Dialekt, WA?” Die Hanseaten, Kölner, ja sogar die Ostfriesen waren glücklich mit ihrer Sprache. Der Hesse liess sich zu einem überschwänglichen; “Babbel net, di Hessa babbeln des best Hochdeutsch!” hinreissen. Und der Sachse, der zu jener Zeit noch nicht ahnte, dass er als Ossi in die Geschichte eingehen wird, liess verlauten; “Ja nu freilisch is äs Sächsisch klosse!”
Nur der Wiener war traurig, für ihn war kein Dialekt mehr geblieben. Aber Gott wäre nicht Gott, und so sprach er zum Wiener; “Scheiss di ned au, Oida, dann redst hoid wia I… !!”
Und so scheint es mir völlig nachvollziehbar, das jemand der diese Sprache spricht, aus Schlampigkeit schon mal den einen oder anderen Tag vergisst.
Fortsetzung folgt………..

lusch

Von allem ein wenig zu viel, nur vom Leben zu wenig.

„Stoned“ heißt der Film von Stephen Woolley, der mit dem nassen Tod des verwunschenen Gründerprinzen der Rolling Stones, Brian Jones, beginnt.
Möchte gleich vorweg erwähnen, das dieser Film nicht neu und ich absolut kein Filmkenner bin. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich einiges anmerken.„Stoned“ konzentriert sich auf die letzten Wochen im Leben von „Stones“-Gründer Brian Jones (Leo Gregory), wobei frühere Entwicklungen immer wieder in Rückblenden integriert werden. Soweit so gut. Ich halte den Film schlicht und ergreifend für viel zu harmlos, dies soll also das rasante Leben eines grossen Rockstars sein? Da wird uns Teenie-Sex geboten, wo bleiben die Ausschweifungen des drogenabhängigen Erotomanen Brian. Als große Liebe von Jones erscheint im Film Anita Pallenberg (Monet Mazur), eine gewalttätige Amour fou ist ihre Beziehung, die nur in einem Verrat enden konnte. Pallenberg, die große, immer noch unbeschriebene Muse der Musik und des Kinos nicht nur jener Zeit, verließ Jones für Keith Richards. Und dies war wohl auch der Beginn der Talfahrt des Brian Jones.Da Woolley den Bauunternehmer Frank Thorogood (Paddy Considine) als Mörder von Jones sieht, nimmt das Verhältnis zwischen dem Musiker und dem Handwerker einen grossen Raum ein. Ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis entsteht bald zwischen den beiden Männern, eine sadomasochistische, latent homosexuelle Beziehung, wie sie bereits in Cammells „Performance“ behandelt wurde. Der androgyne Brian Jones erscheint dabei immer mehr wie eine bizarre Mischung aus Rimbaud und Norma Desmond. Wie pragmatische Business-Leute wirken dann auch Jagger und Co., als sie Jones einmal kurz besuchen und den Träumer endgültig aufs Abstellgleis schicken. Und dann wäre da noch die Musik, die Stones scheinen von Woolleys Film nicht begeistert gewesen zu sein, haben sie ihm jegliche Rechte an den Songs verweigert. Einzig eine für mich viel zu kurze Sequenz einer Session an der legendären Edith Groove, als die jungen Richards und Jones den frühen Sound der Rolling Stones fanden. Trotzdem – für Musikfans ist “Stoned” ein spannendes Zeitdokument. Mit einem Brian Jones, der Glück als langweilig empfand und lieber im Exzess zugrunde ging, als in Langeweile zu leben.Und ich habe mir wieder mal die alten Stones-Scheiben mit Mister Jones aufgelegt und ich finde sie noch immer genial.

lusch

Neues vom Duden

ver|os|peln; du verospelst; du verospeltest; verospelt; verosple!; sich übernehmen, den Überblick über eingegangene Risiken komplett verlieren, scheibchenweise tiefer in eine unangenehme Situation rutschen; etwas verospeln: etwas ruinieren, indem man über längere Zeit glaubt, auf der sicheren Seite zu stehen, obschon die Risiken bereits unüberschaubar geworden sind; (ugs. auch für beschissen)

ah